Eine Alltagsgeschichte
Verantwortung übernehmen: Was ein Hundehaufen lehrt
Ein Hundehaufen vor der eigenen Einfahrt ist ärgerlich. Er kann aber auch ein überraschend guter Lehrmeister sein. Unser Autor Gernot Blümel erzählt von einem Morgen, an dem ein Mops, eine Plastiktüte und ein Versprechen an seine Tochter aufeinandertrafen. Und von der Frage, die danach bleibt: Wie viele Häufchen anderer tragen wir eigentlich mit uns herum – und wo liegen noch unsere eigenen?
Ein Morgen vor der Einfahrt
Ich lande um 7:15 Uhr vor meinem Büro, aus den Lautsprechern donnert Joe Bonamassa gerade ein Gitarrensolo, ich bin motiviert, gut gelaunt, bereit, dem Tag zu begegnen. Aber das Erste, was mir begegnet, ist eine nette junge Dame, die ihren Hund direkt vor meiner Einfahrt sein Geschäft verrichten lässt. Natürlich ein großes Geschäft.
„Ach, komm schon!“, denke ich. „Oh, sie räumt es ja sogar weg!“, freue ich mich. Bei genauerer Betrachtung sehe ich, dass das Wegräumen eher einem symbolischen Akt entspricht – die Hundehalterin ist schon entfleucht.
„Na toll, jetzt kann ich mich um ihren Sch … kümmern …“, verdrehe ich die Augen.
Was ich meiner Tochter beigebracht habe
Erst neulich habe ich mit meiner achtjährigen Tochter besprochen, dass sie sich nicht so viel um die Angelegenheiten ihrer Mitschüler kümmern soll. Dass sie deren Dinge nicht zu ihren machen und sich nichts umhängen lassen soll, was ihr nicht „gehört“. Kurz gesagt: Sie soll sich nicht die Häufchen anderer aufhalsen.
Der Haken daran, wenn man einen Pakt mit sich selbst geschlossen hat, von seinen Kindern nichts zu verlangen, was man nicht auch selbst erfüllen kann: Man muss dann auch liefern.
Zurück an den Absender
Okay, ich mache mich auf die Suche nach der Hundehalterin. Oh, da ist sie ja! Sie und der Mops, noch glücklich und unbeschwert. Noch.
„Entschuldigen Sie bitte …“ – ich erkläre ihr den Sachverhalt. Sie lässt sich zu einem Lokalaugenschein überreden. „Naja, sooo viel ist das auch nicht, was soll ich da machen?“ – „Wegwischen?“ – „Na, da müsste ich ja ‚so‘ machen!“ Sie macht „so“ und wischt das Beweismaterial mit einer Plastiktüte weg.
„Sehen Sie, geht doch“, sage ich. „Naja, da müsste ich ja jedes Mal ‚so‘ machen!“, sagt sie entrüstet. „Wenn Ihr Hund mitten vor eine Einfahrt sch…, dann ja“, sage ich. Unverständnis seitens der netten Hundehalterin.
Sie ist nicht besonders begeistert davon, dass ich sie auffordere, sich um „ihr Häufchen“ zu kümmern. Ihr Mops auch nicht. Ich gebe zu: Es entwickelt sich zu einer etwas unangenehmen zwischenmenschlichen Situation.
Man kann nicht immer allen gefallen
„Und wenn dann eine Freundin oder ein Freund böse mit dir ist, weil du dir nicht ihre ‚Häufchen‘ aufhalsen lässt, dann musst du das aushalten. Und du kannst das aushalten. Das ist sogar ein sehr gutes Training, wenn man lernt, so etwas auszuhalten! Man kann nicht immer allen gefallen“, habe ich im Gespräch mit meiner Tochter noch hinzugefügt. Schlaumeier. Na gut, dann muss ich das jetzt auch aushalten.
Jedenfalls nimmt die nette Dame nach ein paar weiteren Worten ihr Häufchen mit – widerwillig.
Perfekt. Ich habe a) ein Häufchen, das nicht meines ist, an die Person zurückadressiert, der es gehört – und damit Zeit, Energie und Nerven gespart, und b) meinen Pakt gehalten.
Die Häufchen des Lebens
Und während ich mir den ersten Kaffee runterdrücke, denke ich, dass die Gasse, in der ich mein Büro habe, viel schöner wäre, wenn jeder sein Häufchen mitnehmen würde. Zwischenmenschliche Beziehungen wären auch viel „sauberer“ und unbeschwerter, wenn sich jeder um seine „Häufchen des Lebens“ kümmern würde.
Es wäre auch viel besser, wenn einen jemand nett bitten würde, ihm bei seinem Häufchen zu helfen, wenn er oder sie allein damit überfordert ist, anstatt einem einfach das Häufchen in die Hand zu drücken und zu sagen: „So, ist jetzt deines, viel Spaß damit!“
Das Leben wäre um einiges entspannter, wenn jeder für seine Häufchen die Verantwortung übernehmen und die Schuld dafür nicht jemand anderem geben würde.
Und meine eigenen?
Und unweigerlich frage ich mich, ob ich mich eigentlich immer um meine Häufchen kümmere. Oder ob da noch irgendwo etwas versteckt vor sich hin müffelt. Dinge, die ich zu lange aufgeschoben habe. Dinge, für die ich noch nicht vollständig die Verantwortung übernommen habe. Dinge, die ungeklärt sind. Dinge, in die ich Menschen hineingezogen habe, die das gar nichts angeht. Gibt es Situationen, in denen meine „Häufchen“ für miese Stimmung sorgen?
Ich glaube, dass jeder irgendwo so seine Häufchen im Leben hinterlässt. Und die meisten vergisst man auch bald mal wieder. Aber wie bei dem Häufchen vor meiner Einfahrt verhält es sich auch im echten Leben: Nur weil ich ein Häufchen vor meiner Tür ignoriere – egal, ob ich es verursacht habe oder jemand anderes –, heißt das nicht, dass es nicht da ist. Und über kurz oder lang wird es mir mit Sicherheit jemand ins Büro schleppen, wenn ich mich nicht rechtzeitig darum kümmere.





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